» Meine Liebe ist so tief wie die Bucht von Portugal «

William Shakespeare, Wie es Euch gefällt   


"Das Kap Cinetico, getaucht in Sternenlicht, ragt auf zur stolzen Höhe. Äußerster Punkt des reichen Europa erhebt es sich aus den salzigen Fluten des von Ungeheuern bevölkerten Meeres", beschreibt Rufius Festus Avienus im 4. Jahrhundert dieses Promontorium Sanctum, das "Heilige Vorgebirge" der Welt.
An diesen nächtlichen Rastplatz der antiken Götter wird in einem kleinen Boot, geleitet von zwei Raben, der Leichnam des Vinzenz von Saragossa gespült, der fortan dem Jahrtausende alten Heiligtum den neuen Namen gibt: Cabo de Sao Vicente.
Der tote Heilige wird nach Lissabon überführt und zum Schutzpatron Portugals gemacht, die Raben bleiben."Tarf el Gorab", Kap der Raben, nannten auch die Araber diesen westlichsten Punkt des Kontinents,diesen von zwei Weltmeeren umtosten Felsenfinger, ausgestreckt in nichts als die Unendlichkeit. Und kein göttlicher Gegenfinger wie in der Sistina.
Dann, gegen Süden, "die Bucht von Portugal", dann die Felsenzunge von Sagres, das uralte Heiligtum des Titanengottes und Zeusvaters Saturn, "Sacra Saturni". Von diesem Mythos zu dem Wort "Sagres" ist es nur ein, zumindest sprachlich winziger Schritt.
Festungsanlage seit den Tagen des Infante Dom Henrique (Heinrichs des Seefahrers), der hier in der ersten Hälfte des 15.Jahrhunderts eine Stadt gründet und Wissenschaftler, Sternkundler und Seefahrer um sich versammelt, um mit deren Hilfe ins Unbekannte greifen zu können.
Nichts mehr davon, alles zerstört, von Francis Drake 1587, und vom großen Erdbeben 1755. Ein paar Mauern, wenige Häuser in einer Zeile, eine Kapelle, eine Sonnenuhr und jene Windrose mit ihren 43 Metern Durchmesser: Rätsel noch immer, ist sie doch in 42 statt der üblichen 32 Segmente unterteilt. Welches Netz wurde von hier aus über die bekannte Welt ins Unbekannte geworfen, und wer berechnete die Maschendichte, wie?
War hier der alles bestimmende Bezugspunkt, die Werkstatt jenes Astrolabiums, an dessen Blindenstab sie sich hinauswagten ins bezweifelte Nichts, und dessen Geheimnis sie eifersüchtig und furchtsam mit dem Schwur der Christusritter schützten, die Nachfahren der Templer, jenes Ordens, dem sie alle angehörten und dessen Großmeister Dom Henrique war.

Nichts mehr davon, aber das Land ist da, der Ort, der Platz, die "Ponta de Sagres", die "Brücke des Heiligtums", besser, der Brückenkopf, der über den Rand einer Welt ragt. Geformt wie eine geöffnete, von Schrunden durchzogene rechte Hand, deren Finger Stück für Stück, Glied um Glied von Stürmen und Meeren abgenagt wurden, bis nur noch der Handteller übrig war, an dem die Wasser weiterlecken und weiterfressen, unersättlich, als solle alles Land, und mit diesem alles, was darauf gestellt, gedacht, geschaffen wurde, vertilgt werden, getilgt vom Rhythmus, vom großen Atem der Natur.
Rundum von Bläuen umgeben, die verschwimmen, nach oben, nach unten. Es gibt kein Oben, kein Unten in dieser Sonne, auf dieser ausgestreckten fingerlosen Hand, die an ihrer Unterseite längst von unzähligen Grotten durchhöhlt ist, in denen das Meer schreit, stöhnt, brüllt, dunkel rufend klagt, und dann und wann im Wechsel der Gezeiten Fontänen gegen den Himmel schießt, als ächzten tausend Wale unter einer viel zu großen Last.
Aber der blanke weiße Stein! Gehen auf diesem Tellerrand, als wäre nie etwas anderes gewesen, als das ständig wechselnde Farbenspiel aus Licht und Wasser, Himmel.
Plötzlich Regenbogen, zwei, drei, in Richtung Afrika. Meerluft und Wind.
Dort, wo der Daumen war, der offenen Felsenhand, folgt jetzt der Blick den Raben hinüber zu ihrem Kap, auf dem Europas Leuchtturm aus dem ehemaligen Altarraum des Vinzenzklosters ragt, um mit seinem Lampenlicht die Nacht zu ritzen, 90 000 Meter tief.
Dazwischen jene Bucht "von Portugal", deren Tiefe Shakespeares Rosalinde zur Metapher ihrer Liebe macht. Wie faszinierend muss der Bericht des Francis Drake von diesem heiligen Ort gewesen sein, dass er als Bild der Liebe Eingang findet ins Werk des größten Dichters, der ein Zeitgenosse des Zerstörers war.
Jetzt kleben Fischer wie Spinnen in den hohen Felsenwänden, und wenn sie aus der Gischt an ihren Fäden, die wie lange Silbernadeln überm Wasser stehen, Beute reißen, scheint diese der Sonne zuzufliegen, zuckend wie ferne, schillernde Planeten.

Franz Winter