» Les Lumières de la mer «

Notizen zu den jüngsten Gemälden von Katharina Prantl

Ne plus penser ne signifie pas: s'arrêter de penser.
La pensée est conscience et inconscient d'univers.
Cesser de jouer d'un instrument ne signifie pas, pour un artiste,
Ne plus entendre les sonorités de l'œuvre qu'il vient d'interpréter.
Le cerveau se substitue à l'oreille.
La mémoire se répond a vivre avec chaque notre retrouvée.
Edmond Jabes, La Lumières de la mer 


Katharina Prantl wird von Landschaften inspiriert. Sie unternimmt weite Reisen und nimmt Orte in sich auf - Villa Lante, Venedig, Rom, Neumexiko, dieses mal hat sie den äußersten Südwesten Portugals besucht, eine Region am atlantischen Ozean: Ponta De Sarges, ‚Rosa dos Ventos' (die Windrose). Einmal die Wüste, einmal die Berge, dieses Mal das Meer. Die kristallenen Spiegelungen des Meeres, gebrochen in kleinere Bündel von Funken und Splittern querschlagender Farben sind dieses Mal ihre Quelle. Es braucht eine Malerin wie Katharina Prantl, um diese Impressionen in eine verinnerlichte Vision umzuwandeln. Sie zeigt nicht einfach aufgeklärten Hedonismus, der seinen Durst nach der Welt der Dinge löscht, stattdessen offenbart sie Können und Verständnis in der Freude, die sie an der Fülle der Konstellationen der Sinneseindrücke hat und die von ihr in ein Objekt intellektueller Erfahrung gewandelt werden. Es braucht viel Intelligenz, diese Umwandlung der Elemente in ein harmonisches Ganzes zu bewerkstelligen. Es ist das richtige Maß, das die Kombination, die Mischung der Farben im Verhältnis zulässt. Selten genug ist die Erfahrung, die endliche Konfiguration bietet, eine Formgebung, die uns zur selben Zeit die Möglichkeit gibt, die Ewigkeit zu bedenken. Selten genug ist der Moment, in dem wir die Vielfalt in dem Einen erfassen. Die Malerin schlägt eine fragile Brücke über den Abgrund, wenn sie die verstörende, unendliche Verschiedenheit zu einer bestimmten Farbe und Tonalität reduziert, wenn sie die verschiedenen Beziehungen herausarbeitet, die es ihr möglich machen, sich auf die harmonisierenden Elemente zu konzentrieren. Dieser Prozess der Unterscheidung könnte zur selben Zeit Elemente trennen und wird das solange tun, bis man Licht nicht einfach mehr länger als alleiniges Ding mit unendlich vielen Formen sieht, sondern auch als Medium der präzisen Formen selbst, das unserer Wahrnehmung der verschiedenen Formen, die sie annehmen, hilft. Das Unendliche wird endlich; die unbändigen Erfahrungen verschaffen sich Grenzen. Oder, wie Bergson sagt, der Springbrunnen wird zum Springbrunnen in dem Moment, in dem das Wasser zu fallen beginnt. In der Begegnung zwischen Bewusstsein und der Welt gibt es den schwindelerregenden Moment, eine Zeit der Benommenheit, in der man beschließt, zu anderen Bedingungen zu sehen als den gegebenen, als in der für selbstverständlich genommenen Welt. Die Vektoren der Wahrnehmung sind von ihrer Verankerung gelöst. Wir schweben, treiben im Strom der den Horizont verdunkelnden Eindrücke. Was Cézanne la petite sensasion genannt hat, ist nichts als diese Erfahrung der Farben, Schattierungen und Gestalten des aus den Fugen geratenen Objekts der Betrachtung, als ob es losgelöst von seiner Verankerung nun im Universum schwebt, frei neue Konstellationen einzugehen, neue Umwandlungen, andere als die erwarteten, vorhersagbaren, schon existierenden Bilder der Dinge. Außerhalb der Ordnung der Dinge, entgegen dem, was unser allgemeiner Erfahrungsschatz uns glauben machen will, ist diese gebrochene Sichtweise mit ihrer kindlichen Überraschung des Entdeckens jedoch immer verblüffend, da sie ihre privilegierte Position in einem möglichen anderen Schema der Dinge einfordert.

Mit Wolken und Rauchringen in ihrem Blut (Lorca) hat sich die Malerin das Ziel gesetzt, dieses neue Universum zu schaffen. In den sichtbaren Eingeweiden, an der Rückseite der unschuldigen Gegenwart, dort begegnen wir dem Chaos als der Ur-Materie, der ursprünglichen, überwältigenden Unordnung, auch als der universellen Gebärmutter. Oder, wie Rothko dieses Dilemma beschrieb, "ein Bild ist nicht die Abbildung der Erfahrung, es ist die Erfahrung selbst". Diese Bilder offerieren die Beziehung des Lebens zum Rhythmus, zur Zeitlichkeit und emotionalen Intensität der Anwesenheit an einem Ort. Wir erfahren ihre Erfahrung wie das Atmen, als einen Rhythmus von Einnehmen und Abgeben. Ihre Abfolge ist punktiert und wird zum Rhythmus durch die Erfahrung von Zwischenräumen, von Perioden in denen eine Phase endet und die andere eben erst beginnt, sich vorbereitet. Hier sind wir mit einer Masse von Eindrücken konfrontiert; Farben, Stellungen, und Geräusche sind in dieser Region im Überfluss vorhanden. Wir befassen uns mit der Vergangenheit und formen bereits die Zukunft. Linien kreuzen, Flüssen treffen zusammen, endlose Gabelungen erscheinen, Mäander, Meereswellen, fliegende Wellen, Hitzewellen und Wellen des Windes. Auflösungen, Zersplitterungen, Wiederherstellungen. Zerbrochene Figuren, das Kopulieren von Gestalten und die Paarung von Perspektiven. Eine Rückkehr zu Schwingungen, ein Eintauchen in das Wogen. Wiederholungen machen Gemälde zu Maschinen der Unendlichkeit. Heterogenität, eine andauernde Eruption von Farbfragmenten, Teilchen, Splittern. Nichts ist fixiert. Lawinen von herabstürzenden Diagonalen, zahllose Pinselstriche, ein Überfluss von einander durchdringenden Lichtstrahlen. Gibt es keine Mitte? Zur Einheit des Sehens zurückzukehren bedeutet die Versöhnung von Körper, Seele und der Welt. Eine Mitte, gleichzeitig völlig leer und völlig erfüllt, eine totale Leere und ein totales Erfülltsein. Die Entfernung zwischen dem Objekt und dem es betrachtenden Bewusstsein - schmilzt dahin angesichts der überwältigenden Gegenwart, dem einzigen Ding, das wirklich existiert. Der Maler sieht seinen inneren Raum in diesem äußeren Raum. Der Wechsel von drinnen zu draußen - einem Draußen das die Innerlichkeit selbst ist, das Herz der Wirklichkeit. Ein unbeschreibbarer Anblick, wir lassen unser Leben hinter uns, um einen Augenblick des Lebens zu erhaschen.

Die Runde der Bilder zeigt Variationen von Linien, von einem Zentrum ausstrahlend, als ob sie Spuren der Linien wären, die der Reisende eingeritzt findet in dieser großen, runden, flach auf dem Boden liegenden Tafel, der Windrose. Man entdeckt die Schatten der von anderen Gelegenheiten gekannten Dinge. Eine Erforschung oder eine Begegnung? Das Letztere, sehr wahrscheinlich. Eine physische Begegnung mit den Elementen, wie mit dem Sturm, Lava und Feuer, dem Zusammenbruch des Seienden, erschüttert bis in die Grundfesten durch sein inneres, vertrautes Wesen, einer Zerbrechlichkeit, die nicht unterscheidbar und trennbar von uns selbst ist. Eine Begegnung mit dem Wissen-Unwissen. Raum, der reine Schwingung ist. Ein großes Geschenk der Götter. Wo es kein Ich gibt; dort gibt es Raum, Schwingung, immerwährendes Leben. Wind, ein Taifun, ein Sturzbach von Gesichtern, Formen, Linien. Eine schwindelerregende Verdampfung und Kondensation. Eine farbenprächtige Blase, mehr Blasen, Kiesel, kleine Steine. Felsige Klippen von Luft. Das Ensemble von Flecken, von Farben vom tiefen Rot zum durchsichtigen Grün und Blau, sie geben völlige Durchsichtigkeit, einen bewegungslosen Wirbelwind. Wie der Charme den Raum auflöst, wie der Morgen sich an die Nacht heranschleicht, die Dunkelheit schmelzend, so beginnen die sich erhebenden Sinne die chaotischen Eindrücke zu verfolgen. Unser Verständnis beginnt zu wachsen und die herankommende Flut wird in Kürze die Küste des Begreifens, die verworren und undurchsichtig daliegt, erfüllen. Kein einziger von uns der schaut, wird diese Gemälde nicht bemerken. Unsichtbar wie der Geist von Ariel auf Prosperos Insel, aus unseren Sinnen geschüttelt, sind wir sicher wo wir Schiffbruch erlitten, wo wir an Land gespült wurden. Katharina Prantl hat uns erneut eine Vision ihres Königreiches gegeben, einen Kompass für wieder ein anderes Wunder, oder, wie Miranda in "Der Sturm" sagt:
"Oh Wunder!
Wie viele feine Geschöpfe sind hier beysammen!
Wie schön ist das menschliche Geschlecht! O brave neue Welt, die solche Einwohner hat!"
(aus "Der Sturm" von W. Shakespeare, 5. Akt, 4. Szene, übersetzt von Christoph Martin Wieland)

Prof. Yehuda E. Safran
Columbia University, New York
2. Mai 2006