» Unter der Platane «
Notizen zu neuen Arbeiten von Katharina Prantl
L'OBJET, C'EST LA POETIQUE*
Le rapport de l'homme à l'objet n'est du tout
seulement de possession ou d'usage.
Non, ce serait trop simple. C'est bien pire.
Les objets sont en dehors de l'âme, bien sûr;
Pourtant, ils sont aussi notre plomb dans la
tête. Il s'agit d'un rapport à l'accusatif.
L'homme est un drôle de corps, qui n'a pas
son centre de gravité en lui-même.
Notre âme est transitive. Il lui faut un objet,
qui l'affecte, comme son complétement direct,
aussitôt. Il s'agit du rapport la plus grave
(non du tout de l'avoir, mais de l'être).
L'artiste, plus que tout autre homme, en
reçoit la charge, accuse le coup.
Francis Ponge
*L'expression est de Braque
Vor dem Atelier im Prater stehen mehrere große Platanen. Unter einer davon,
näher an der Atelierveranda, ist die Stelle, wo eine Generation lang das
"Plaudern" mit den Steinen stattfand, wo die Steine dazu gebracht wurden,
dass sie platzten und unter den Händen und Augen von Karl Prantl ihre
innersten Geheimnise preisgaben. Dort, mit Blick auf diesen Platz auf der
Terrasse, entstanden diese Gemälde. Hier im Prateratelier, in Schatten
so vieler geformter Steine ist mit der Zeit vieles gewachsen, das Sprichwort
widerlegend, dass unter einem großen Baum nichts wächst. Im Gegenteil,
selten gedieh so viel im Schatten eines einzigen Baumes.
Was also ist dieses "Plaudern" mit den Materialien?
Weshalb ist es so, dass wir uns wieder und wieder bannen lassen von
derlei Zwiesprachen mit etwas, was auf den ersten Blick als stumme
Materie erscheint?
»Die Beziehung des Menschen zum Objekt ist keineswegs nur eine
des Besitzes oder Gebrauchs. Nein, das wäre zu einfach.
Es ist viel schlimmer.
Objekte stehen natürlich außerhalb des Empfindens;
allerdings sind sie auch das Bleigewicht in unserem Kopf.
Es ist eine Frage des Verhältnisses zum Akkusativ.«
Und ein wenig später sagt Francis Ponge im Gedicht
»Das Objekt ist die Poetik«, eine Wendung von Braque benutzend:
»
Der Mensch ist eine seltsame Art von Körper, die keinen Schwerpunkt
in sich hat.
Unser Empfinden ist transitiv. Es braucht ein Objekt, das es als seine
direkte Ergänzung sogleich berührt.
Es ist ein Frage der ernsthaftesten Beziehung (keineswegs des Habens,
sondern des Seins).V
Der Künstler trägt, mehr als jeder andere, die Hauptlast daran,
nimmt den Schlag hin.«
Die Physiologie dieser Gemälde liegt vor allem in ihren transparenten
Farben und in der Art und Weise, wie die Farbe, oft durch die eigene
Schwerkraft, auf der Leinwand befördert und gelenkt wird. Wie Streifen
Folie erscheinen dünne Farbschichten und verschwinden, nur um wieder
zu erscheinen, offenliegende Adern in der Mine eines farbigen Kristalls.
Ihr ganzes Dasein, ihr Daseinsgrund besteht darin, von der anorganischen,
mineralischen Gestalt ihres Ursprungs her verwandelt und dann in flüssige
Gestalt umgewandelt zu werden, ehe sie wieder auftrocknen und zu einer
Landkarte des Unbekannten gerinnen, eines noch unentdeckten Landes,
künftige Spur einer noch größeren Entfernung, weitere Zukunft von
Erfahrungen und Erinnerungen.
Geduldig hingeworfene Wellen von Wasser und Farbe, Erdenstaub und
Wasser, versammelt zu immer neuen Konfigurationen. Wie Miniaturen
von Himmelskonstellationen und Magnetfelder auf der Erde nachzubilden,
ein Echo der Dinge, des Dings an sich. Zu- und Abnahme des Mondes wie
auch unser Umkreisen der Sonne sind in ihrer Umlaufbahn gefangen.
Deshalb sind die Besonderheit jeder Konstellation und ihre Farbkomposition
so wichtig. Als wären sie die Bedingungen für das, was rückblickend in unserem
Erleben der Welt und unser selbst in ihr erscheinen wird, unausweichlich.
Das Obermaß an Sichtbarem, das Obermaß an äußerer Form in jeder einzelnen
Konfiguration findet seine Entsprechung in der Behandlung des Materials,
in seinem einzigartigen Rendezvous mit dem Engel des Lichts, jeden Tag und
jeden Augenblick in Tag und Nacht unseres Lebens. Niemals zweimal gleich
erscheinend, gestaltlos, setzen diese Gestalten doch eine Art endloser Wiederholung
fort. Sie schaffen und formen die Matrix unserer Stunden, unserer
Momente auf Erden. Wären wir nur ein Körper, so wären wir ohne Zweifel im
Gleichgewicht mit der Natur. Dochfällt auf unserer Seite auch das Empfinden
ins Gewicht. Schwer oder leicht lässt sich für uns nicht sagen. Vieles von dem,
was wir empfinden, kommt als Gewicht, hell oder dunkel, und oft durch Farbe.
Wir sind Gefangene des ersterbenden Rots des Granatapfels, des Indigos,
des Purpurs aus der Tiefe des Meeres und des Olivgrün. Blauer Marmor aus
Brasilien und roter Stein aus Armenien sind uns niefern. Als würden wir ein
Gegengewicht brauchen. Natürlich sind es subjektive Objekte, natürlich
umarmen wir unsere eigenen Hervorbringungen, unsere Phantome.
Doch das genügt, um uns zu beruhigen, uns eine AnlaufsteIle zu bieten, sie
sind die Küste, auf die wir unser eigenes Gewicht stellen können. Sie bietet die
lebensnotwendige Verbindung zwischen der Hand, die die Pigmente berührt
und ins Wasser führt und dann wieder heraus und auf die Leinwand und dem
Auge, das im Augenblick ihrer Ankunft dort auch geschlossen bleiben könnte.
Da wir doch an jedem Tag unseres Lebens die Dinge wählen müssen, die
Gegenstücke unseres Verlangen sein werden. Sie sind in unserem Leben nie
bloß der Rahmen oder Hintergrund, sondern das Mittel, durch das unser
tägliches Brot, Wein und Tanz möglich werden. Wir leben entsprechend der
Anziehung, mit der wir in unserer Beziehung zur Mitte als reine Schwerkraft
zusammengehalten werden. Diese Kraft kommt vielleicht am besten in einem
von Rilkes letzten Gedichten zum Ausdruck:
Mitte, wie du aus allen Dingen
dich ziehst, auch noch aus Fliegenden dich
wiedergewinnst, Mitte, du Stärkste.
Stehender: wie ein Trank den Durst
durchstürzt ihn die Schwerkraft.
Doch aus dem Schlafenden fällt,
wie aus lagernder Wolke,
reichlicher Regen der Schwere.
»Schwerkraft« Rainer Maria Rilke
Die "unerhörte Mitte" nennt Rilke es in den »Sonetten an Orpheus«, II,28.
Sie ist der Grund der das Spiel des Seins möglich macht. Als Wesen,
die sich selbst auf Spielsetzen, sind wirdazu bestimmt,unsereGegenstücke
zu erleben.
Jedes einzelne Gemälde fällt ins Gewicht, fällt wie ein Würfel, das Spiel setzt
in Bewegung, es entlässt uns in ein Risiko. Das Ergebnis bleibt in Schwebe,
es erhält das Wagnis, das alle Dinge leben macht.
In diesem Entlassensein, Uns-Losreißen, werden wir unserer Sterblichkeit
gewahr. Die Mysterien von Schmerz und Liebe lernen sich nie. Wie beim Schild
des Perseus sind wir abhängig von diesen indirekten Widerspiegelungen und
Berührungen, durch die wir lernen die Aufwallungen der Wolke zu erkennen,
die unser Leben ist.
Diese aquatischen Gemälde sind Bilder aus Wasserfarben, gemacht aus
mit Wasser vermischten Pigmenten. Sie stellen uns einen Ort vor Augen,
an dem wir nicht mehr zwischen äußeren Ansichten und innerer Landschaft
werden unterscheiden können. Vielleicht könnten wir nie klar abtrennen,
was in jedem Ereignis demselben imaginären Prozess unterworfen ist und
was uns aus diesem Grunde dazu führt zu glauben, das etwas ist und nicht
vielmehr nichts. Wir sind sterblich, und diese ist unsere Sprache. Tatsächlich
ist, mehr noch als Erde, Luft und Feuer, das Wasser in einen tückischen Kampf
gegen die Schwerkraft verstrickt. Nicht nur, dass Aphrodite aus dem Meer
auftauchte, obwohl sie dort nicht wohnt, sondern von der reinigenden Wirkung
der Sintflut über den aus dem Nil gezogenen Moses und den Taufritus bis zu
ägyptischen, griechischen und indianischen Reinkarnationsreisen, die
ebenfalls auf unterirdischen Flüssen stattfanden. Quetzalcoatl, der Gott der
Azteken und Siegfried aus dem Nibelungenlied baden in derselben Quelle der
Unverwundbarkeit. Es gibt nicht Bewegenderes als das Flussbad im Ganges
wie es Hindus in Benares nehmen. Indianische, ozeanische, und japanische
Hebammen immunisieren Neugeborenen in Ritualen, bei denen sie mit Wasser
übergossen werden. Wer könnte die Wasserspiele der Villa d'Este vergessen,
entweder in Wirklichkeit oder in Franz Lists Interpretation in "Anmies de
Pelerinage", die Springbrunnen des Tivoli oder Gaston Bachelards Psychoanalyse
des Wassers? Der endlose Regen in den Filmen von Tarkowski ebenso
wie seine filmischen Vision von Frauenhaar, wie Pflanzen, das manchmal im
Wasser gewaschen wird und manchmal Strömungen im Fluss ähnelt.
Hier aber ist der Kreislauf des Wassers viel intensiver, denn es ist Wasser,
woraus die Steine unter der Platane entstanden sind, and durch Wasser
wurden sie gerundet und mit Wasser wurde der Stein wieder geformt.
Das ist der Kreislauf des Wassers, der diesen Gemälden ihren unaufhörlichen
wellenförmigen Rhythmus gibt. Sie scheinen weit entfernt, und im nächsten
Moment sind sie wieder da, nur um uns wieder zu verlassen.
Ihr Puls ist bestimmt von der Formlosigkeit von Wasser in Bewegung,
in Raum und Zeit, wie das Herz sie misst. In der Fülle der Zeit lässt er uns
die sichtbaren Reste oder Spuren dessen gewahren, was war und nicht mehr
ist, vielleicht niemals war, aber immer ist; er schenkt uns nicht bloß eine
neue Landschaft, sondern neue Augen.
Prof. Yehuda E. Safran
New York 25. Dez 2007
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